Donnerstag, 6. Juni 2013
...bereits 671 x gelesen
RELIGION, WISSENSCHAFT, AUFKLÄRUNG UND INDUSTRIALISIERUNG – 2. Teil

Die Aufklärer überzeugten die Menschen davon, daß die Religion für viele soziale Übel verantwortlich war. Die Auffassung, daß "die Gesellschaft nach den Gesetzen Gottes und der Natur strukturiert sein soll", schreibt das Werk The Encyclopedia of Religion, "wurde durch die Auffassung ersetzt, die Gesellschaft sei das Ergebnis der "Tüchtigkeit" oder "Planung" des Menschen (oder könnte es sein). So entstand ein weltlicher, sozialer Humanismus, der die meisten philosophischen und soziologischen Theorien der modernen Welt hervorbrachte."

Zu diesen Theorien gehört die von dem einflußreichen Aufklärer, dem Philosophen Jean-Jacques Rousseau, vertretene "rationale Nationalreligion". Sie hatte kein göttliches Wesen, das angebetet werden sollte, zum Inhalt, sondern die Gesellschaft und die Beteiligung des Menschen an ihren Belangen. Der französische Philosoph Saint-Simon (Claude Henri de Rouvroy) vertrat ein "neues Christentum", während sein Schüler, Auguste Comte, von einer "Menschheitsreligion" sprach.

Im späten 19. Jahrhundert entwickelte sich unter den Protestanten Amerikas eine Bewegung, die "Social Gospel" (soziales Evangelium) genannt wurde. Sie war eng mit dem religiösen Sozialismus in Europa verwandt. Man vertrat die Auffassung, es sei die Hauptaufgabe eines Christen, sich mit sozialen Fragen zu befassen. Bis heute gehören zahlreiche Protestanten zu ihren eifrigen Unterstützern. Die katholische Version davon sind die französischen Arbeiterpriester und die Geistlichen Lateinamerikas, die die Befreiungstheologie lehren.

Wie ein Bericht der Zeitschrift Time aus dem Jahr 1982 zeigt, spiegeln die Missionare der Christenheit diesen Trend wider: "Die Protestanten befassen sich jetzt ebenfalls mehr mit den grundlegenden wirtschaftlichen und sozialen Problemen der Menschen . . . Für eine wachsende Zahl katholischer Missionare bedeutet die Identifizierung mit der Sache der Armen Eintreten für radikale Veränderungen in den politischen und wirtschaftlichen Systemen — selbst wenn diese Veränderungen von revolutionären marxistischen Bewegungen ausgehen. . . . Es gibt sogar Missionare, die glauben, die Bekehrung Andersgläubiger habe im Grunde wenig mit ihrer wahren Aufgabe zu tun." Diese Missionare stimmen offenbar mit dem französischen Soziologen Émile Durkheim überein, der einmal sagte: "Was eigentlich religiös verehrt werden sollte, ist die Gesellschaft und nicht Gott."

Die Christenheit verdrängte Gott offensichtlich sachte, ganz sachte. Außerdem waren auch noch andere Kräfte am Werk.

Die Kirchen hatten keine Lösungen für die Probleme, die durch die industriellen Revolution hervorgerufen wurden. Pseudoreligionen jedoch, das Erzeugnis menschlicher Philosophien, behaupteten, solche Lösungen zu haben, und sie bemühten sich, das entstandene Vakuum eiligst auszufüllen.

Für gewisse Leute bestand das Lebensziel darin, reich zu werden und materielle Güter aufzuhäufen — eine ichbezogene Tendenz, die von der industriellen Revolution genährt wurde. Der Materialismus wurde zu einer Religion. Der allmächtige Gott mußte dem "allmächtigen Geld" weichen. In einer Komödie von George Bernard Shaw wird das angedeutet, indem eine der Personen sagt: "Ich bin ein Millionär, das ist meine Religion."

Andere Leute wandten sich politischen Bewegungen zu. Friedrich Engels, sozialistischer Philosoph und Mitarbeiter von Karl Marx, prophezeite, daß der Sozialismus schließlich die Religion ersetzen werde; er werde selbst die Attribute einer Religion annehmen. Wie der emeritierte Professor Robert Nisbet sagte, war es ein markantes Merkmal des in Europa um sich greifenden Sozialismus, daß sich "die Sozialisten vom Judentum oder vom Christentum weg- und einem Ersatz zuwandten".

Da die Christenheit mit der Zeit des Umbruchs nicht fertig wurde, konnten sich gemäß der World Christian Encyclopedia Kräfte entwickeln wie "Säkularismus, wissenschaftlicher Materialismus, atheistischer Kommunismus, Nationalismus, Nationalsozialismus, Faschismus, Maoismus, liberaler Humanismus und zahlreiche erdachte oder erfundene Pseudoreligionen".

Wenn man an die Früchte denkt, die diese philosophischen Pseudoreligionen hervorgebracht haben, erscheinen einem die Worte des englischen Dichters John Milton höchst passend: "Lauter eitele Weisheit und falsche Philosophie."

Millionen Menschen, die sich in der ungünstigen Situation zwischen untauglichen kirchlichen Systemen einerseits und trügerischen Pseudoreligionen andererseits befanden, hielten Ausschau nach etwas Besserem. Einige dachten, sie hätten es in der Form des Deismus, auch als "natürliche Religion" bekannt, gefunden. Der Deismus erlangte besonders in England während des 17. Jahrhunderts Bedeutung. Er wurde als ein Kompromiß beschrieben, der die Wissenschaft akzeptiert, ohne Gott zu verlassen. Die Deisten waren daher "Freidenker", die einen goldenen Mittelweg gingen.

Wood schreibt: "Deismus besteht hauptsächlich in dem Glauben an einen einzigen Gott und einer religiösen Praxis, die nur auf der "natürlichen" Vernunft basiert und nicht auf einer übernatürlichen Offenbarung." Da der Deismus eine "übernatürliche Offenbarung" nicht gelten ließ, gingen einige Deisten so weit, daß sie die Bibel nahezu ganz ablehnten. Heute wird der Ausdruck Deismus kaum noch gebraucht, obschon sich "Christen", die die kirchliche oder die biblische Autorität zugunsten persönlicher Meinungen oder anderer Lebensphilosophien ablehnen, in Wirklichkeit an seine Grundsätze halten.

... link (0 Kommentare)   ... comment


Mittwoch, 5. Juni 2013
...bereits 705 x gelesen
RELIGION, WISSENSCHAFT, AUFKLÄRUNG UND INDUSTRIALISIERUNG – 1. Teil

"Philosophie" — ein Wort, das von zwei griechischen Wurzelwörtern abgeleitet ist und "Weisheitsliebe" bedeutet — ist schwierig zu definieren. Die New Encyclopædia Britannica bezweifelt die Möglichkeit, "eine allgemeine und umfassende Definition" dieses Wortes geben zu können. Ein erster Schritt in diese Richtung sei vielleicht, daß man "Philosophie entweder als ein Streben nach Erkenntnis über die Vielfältigkeit menschlicher Erfahrung definiert oder als die rationale, methodische und systematische Betrachtung der Fragen, die für den Menschen von größter Bedeutung sind".

Diese Definitionen zeigen klar, warum sich die wahre Religion und die Philosophie nicht versöhnen lassen. Der wahren Religion liegt eine göttliche Offenbarung zugrunde und nicht "die Vielfältigkeit menschlicher Erfahrung". Bei ihr stehen die Belange des Schöpfers im Mittelpunkt, nicht die Fragen, "die für den Menschen von größter Bedeutung sind". Der falschen Religion dagegen liegt wie der Philosophie die menschliche Erfahrung zugrunde, auch stellt sie die Belange des Menschen allem anderen voran. Diese Tatsache zeigte sich vom Beginn des 17. Jahrhunderts an besonders deutlich, als das Ringen der Christenheit mit der Zeit des Umbruchs begann.

Im 17. Jahrhundert, in das die Geburtsstunde der modernen Wissenschaft fiel, schien ein Zusammenprall zwischen ihr und der Religion unvermeidlich zu sein. Durch die revolutionierenden neuen Erkenntnisse wurde die Wissenschaft mit dem Glorienschein der Unfehlbarkeit und der Autorität umgeben, was eine Wissenschaftsgläubigkeit — eine Religion für sich — zur Folge hatte, ja sie wurde eine heilige Kuh. Die religiösen Lehren schienen im Licht wissenschaftlicher "Tatsachen" plötzlich so gut wie unbeweisbar zu sein. Die Wissenschaft war neu und aufregend; die Religion schien überholt und langweilig zu sein.

Diese Einstellung gegenüber der Religion wurde durch die Aufklärung verstärkt, eine Geistesbewegung, die im 17. und 18. Jahrhundert über Europa hinwegbrauste. Sie setzte sich für intellektuellen und materiellen Fortschritt ein und lehnte die staatliche und die kirchliche Autorität sowie die Tradition ab und war bestrebt, alles am Maßstab der Vernunft zu messen. Die Vernunft wurde als die Quelle des Wissens und des Glücks angesehen. "Die Aufklärung wurzelte eigentlich in der griechischen Philosophie", schreibt die New Encyclopædia Britannica.

Die Aufklärung war vorwiegend eine französische Erscheinung. Zu den führenden Köpfen der Aufklärung in Frankreich zählten Voltaire und Denis Diderot. In England setzten sich John Locke und David Hume dafür ein. Befürworter waren auch unter den Gründungsvätern der Vereinigten Staaten zu finden, z. B. Thomas Paine, Benjamin Franklin und Thomas Jefferson. Die in der amerikanischen Verfassung geforderte Trennung von Kirche und Staat geht auf die Gedanken der Aufklärung zurück. Hauptvertreter der Aufklärung in Deutschland waren Christian Wolff, Immanuel Kant und Moses Mendelssohn, Großvater des Komponisten Felix Mendelssohn-Bartholdy.

Kant, der der Religion skeptisch gegenüberstand, soll gesagt haben: "Aufklärung ist Erwachen des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit." "Damit meinte Kant", wie Allen W. Wood von der Cornell-Universität schreibt, "den Vorgang, durch den der einzelne Mensch den Mut bekommt, sich selbst Gedanken über die Sittlichkeit, die Religion und die Politik zu machen, anstatt sich seine Meinung von politischen, kirchlichen oder biblischen Autoritäten diktieren zu lassen."

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts begann die industrielle Revolution, und zwar zuerst in England. Nun spielte nicht mehr die Landwirtschaft die wichtige Rolle, sondern die Herstellung von Waren mit Hilfe von Maschinen und der Chemie. Das löste eine Erschütterung der Agrargesellschaft aus, was dazu führte, daß die Landbevölkerung zu Hunderttausenden in die Städte abwanderte in der Hoffnung, dort Arbeit zu finden. Die Folge war gebietsweise Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, Armut und andere ähnliche Übel.

Würde die Christenheit mit diesen drei Gefahren fertig werden — der Wissenschaft, der Aufklärung und der Industrialisierung?

DURCH DIE MODERNE WISSENSCHAFT
wurde der Glaube an das Unsichtbare geschwächt und entstanden Zweifel in bezug auf Dinge, die die Wissenschaft nicht "beweisen" konnte. Dadurch, daß die Christenheit unbewiesene, angeblich wissenschaftliche Theorien, wie z. B. die Evolutionstheorie, für richtig hielt und von der Wissenschaft erwartete, daß sie — nicht Gottes Königreich — die Probleme der Welt löse, zeigte sie, daß sie untreu handelte und der biblischen Wahrheit keinen Glauben mehr schenkte.

DIE NEUEN POLITISCHEN IDEOLOGIEN (Kapitalismus, Demokratie, Sozialismus, Kommunismus usw.) hatten nationalistische Konflikte und ideologische Streitereien zur Folge, durch die die biblische Wahrheit, daß Gott und nicht der Mensch das Recht hat, über die Erde zu herrschen, verdunkelt wurde. Die Christenheit war gegenüber dem biblischen Grundsatz der christlichen Neutralität untreu und führte Kriege, in denen "Christen" gegen "Christen" kämpften. Die Christenheit hat politische Pseudoreligionen aktiv oder passiv unterstützt.

DER HÖHERE LEBENSSTANDARD, der durch die industrielle und die wissenschaftliche Revolution ermöglicht wurde, förderte egoistische Eigeninteressen und machte die soziale Ungerechtigkeit und Ungleichheit deutlich. Die Christenheit erwies sich auch als untreu, indem sie Gottes Belange vernachlässigte und sich mit menschlichen Belangen — mit sozialen, wirtschaftlichen und politischen Fragen — beschäftigte.

... link (0 Kommentare)   ... comment


Dienstag, 4. Juni 2013
...bereits 697 x gelesen
MISSIONIERUNG VON "HEIDEN" DURCH "CHRISTEN" - 3. Teil

Die im Glauben der Eingeborenen vorhandenen Spuren der Wahrheit sind von vielen Elementen babylonischer Irrlehren überlagert. Aber das trifft auch auf das abgefallene Christentum zu. Dieses gemeinsame religiöse Erbe erleichterte es den "Heiden", "Christen" zu werden. In dem Buch The Mythology of All Races heißt es: "In keinem Gebiet Amerikas stieß man auf so viele und so auffallende Ähnlichkeiten mit christlichen Riten und Symbolen wie in dem der Maya." Die Verehrung des Kreuzes und andere Ähnlichkeiten in den Riten "ermöglichten den Religionswechsel mit einem Minimum an Konflikten".

Den Afrikanern — von denen viele im Laufe von 450 Jahren von "Christen" entführt und als Sklaven in die Neue Welt verfrachtet wurden — war es ebenfalls möglich, den Religionswechsel "mit einem Minimum an Konflikten" vorzunehmen. Was sprach zum Beispiel dagegen, daß die zum "Christentum" bekehrten "Heiden" afrikanische Ahnengeister verehrten, da doch auch die "Christen" verstorbene Europäer, die "heiliggesprochen" worden waren, verehrten? Das Werk The Encyclopedia of Religion schreibt: "Wodu . . ., ein synkretistischer Kult, der sich aus Elementen westafrikanischer Religionen, der Zauberei, der christlichen Religion und des Volkstums zusammensetzt, ist die eigentliche Religion vieler Haitianer geworden, selbst nomineller Katholiken."

In Concise Dictionary of the Christian World Mission wird zugegeben, daß die Bevölkerung Lateinamerikas und der Philippinen nur oberflächlich bekehrt wurde und daß "das Christentum dieser Gebiete heute von Aberglauben und Unwissenheit durchsetzt ist". Für die Azteken, die Maya und die Inka "bedeutete die Bekehrung lediglich eine zusätzliche Gottheit in ihrem Pantheon".

Über die Stammesgruppe der Akan in Ghana und der Cote-d'Ivoire (Elfenbeinküste) schreibt Michelle Gilbert vom Peabody-Museum für Naturgeschichte: "Die traditionelle Religion besteht weiter, weil sie für die meisten Leute der wirksamste Glaube ist, ein Glaube, der der Welt weiterhin Sinn gibt."

M. F. C. Bourdillon von der Universität von Simbabwe spricht von einer "religiösen Mobilität" unter den Anhängern der Schonareligion. Er erklärt: "Die verschiedenen Formen des Christentums zusammen mit den verschiedenen traditionellen Kulten bilden ein Reservoir religiöser Antworten, zwischen denen der einzelne je nach seinen augenblicklichen Bedürfnissen wählen kann."

Darf man sagen, daß die Christenheit echte Jünger Christi gemacht hat, wenn man bedenkt, daß das Charakteristische an den zum "Christentum" bekehrten "Heiden" Oberflächlichkeit, Unwissenheit, Aberglaube und Vielgötterei ist, wenn sie die traditionelle Religion für wirksamer halten als das Christentum, wenn sie die Religion nur als eine Sache der Bequemlichkeit oder Nützlichkeit betrachten, was es ihnen erlaubt, von einer Religion zur anderen zu wechseln, je nachdem, wie die Umstände es erfordern?

Wohl haben die "christlichen" Missionare Hunderte von Schulen eingerichtet, um die "Ungebildeten" lesen und schreiben zu lehren. Sie haben Krankenhäuser gebaut, in denen die Leidenden gepflegt werden. Und bis zu einem gewissen Grad haben sie die Achtung vor der Bibel und ihren Grundsätzen gefördert.

Hat man aber die "Heiden" mit der festen geistigen Speise des Wortes Gottes ernährt, oder hat man ihnen nur die Spreu des abgefallenen Christentums gereicht? Sind "heidnische" Glaubensansichten und Praktiken über Bord geworfen worden, oder ist ihnen nur ein "christliches" Mäntelchen umgehängt worden? Kurz: Haben die Missionare der Christenheit Herzen für Gott gewonnen, oder haben sie die "Heiden" nur gezwungen, vor "christlichen" Altären niederzuknien?

Ein zum abgefallenen Christentum Bekehrter fügt seinen früheren Sünden der Unwissenheit die neuen Sünden des heuchlerischen "Christentums" hinzu, wodurch er seine Schuldenlast verdoppelt. Auf die Christenheit passen daher die Worte Jesu:

Matthäus 23:15. "Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, Heuchler, weil ihr das Meer und das trockene Land durchreist, um einen einzigen Proselyten zu machen, und wenn er es wird, macht ihr ihn zu einem Gegenstand für die Gehenna, doppelt so schlimm wie ihr selbst."

Es zeigt sich somit deutlich, daß die Christenheit den Auftrag Christi, Jünger zu machen, nicht erfüllt hat. War sie erfolgreicher darin, mit der Zeit des Umbruchs fertig zu werden?

... link (0 Kommentare)   ... comment


Montag, 3. Juni 2013
...bereits 1156 x gelesen
MISSIONIERUNG VON "HEIDEN" DURCH "CHRISTEN" - 2. Teil

Bei den Eingeborenenreligionen spielt der persönliche Schutz oder das Gemeinwohl eine wichtige Rolle. Über die Religion der australischen Ureinwohner schreibt z. B. Ronald Berndt: "Sie spiegelte die verschiedenen Belange im täglichen Leben der Menschen wider. In ihrem Mittelpunkt standen soziale Beziehungen, Krisensituationen des menschlichen Daseins und Dinge für die Lebenserhaltung."

Die Ausdrucksformen des religiösen Lebens, die sich mit diesen menschlichen Bedürfnissen befassen, sind als Animismus, Fetischismus und Schamanismus bekannt. Sie kommen in manchen Gesellschaften in verschiedenen Kombinationen und in unterschiedlichen Intensitätsgraden vor.

Animismus: Der Glaube, daß in Dingen wie Pflanzen und Steinen, ja sogar in Naturerscheinungen wie Gewittern und Erdbeben Seelen leben. Er mag auch die Auffassung einschließen, daß es körperlose Geister bzw. Seelen gibt, die das Leben der Menschen auf gute oder schlechte Weise beeinflussen können.

Fetischismus: Das Wort Fetisch stammt aus dem Portugiesischen; es wird unter anderem gebraucht, um Gegenstände zu beschreiben, die angeblich mit übernatürlicher Macht geladen sind und die dem Besitzer Schutz oder Hilfe gewähren. Die portugiesischen Forschungsreisenden benutzten deshalb den Ausdruck, um die Talismane und Amulette zu bezeichnen, die die Westafrikaner bei der Ausübung ihrer Religion verwendeten. Fetischismus ist eng mit Götzendienst verwandt und hat vielerlei Formen. Gewisse Indianer Nordamerikas schreiben z. B. Federn übernatürliche Kräfte zu und halten sie für wirksame Mittel, Gebete oder Botschaften himmelwärts "fliegen" zu lassen.

Schamanismus: Das Wort Schamane stammt aus dem Tungusischen und bedeutet "er, der es weiß". Träger des Schamanismus ist der Schamane, eine Person, die angeblich zu heilen versteht und die Verbindung mit den Geistern herstellen kann. Medizinmänner, Magier oder Zauberinnen (ganz gleich, welches Wort man benutzen möchte) behaupten, die Gesundheit schützen oder die Fortpflanzungsfähigkeit wiederherstellen zu können. Dazu mag es erforderlich sein — z. B. bei den südamerikanischen Waldindianern —, daß man die Unterlippe, die Nase oder das Ohrläppchen durchbohrt, daß man den Körper bemalt oder einen bestimmten Schmuck trägt. Vielleicht wird einem auch gesagt, man solle ein Anregungs- oder Rauschmittel verwenden wie Tabak und Kokablätter.

Die Eingeborenenreligionen kennen sozusagen keine Glaubenslehren, weshalb es ihnen unmöglich ist, eine genaue Erkenntnis über den Schöpfer zu vermitteln. Und dadurch, daß sie menschliche Bedürfnisse über göttliche Interessen stellen, berauben sie Gott dessen, was ihm gebührt. Als die "christlichen" Völker mit ihrer Missionsarbeit begannen, erhob sich daher die Frage: Werden die "Christen" imstande sein, das Herz der "Heiden" für Gott zu gewinnen?

Im 15. Jahrhundert begannen die katholischen Staaten Spanien und Portugal mit ihren Entdeckungsreisen und der Kolonisierung der entdeckten Länder. Der Entdeckung neuer Gebiete folgte die Bekehrung der Eingeborenen durch die Kirche, wodurch die Bevölkerung ihrer neuen "christlichen" Regierung geneigt gemacht wurde. Päpstliche Bullen gaben Portugal das Recht, Afrika und Asien zu missionieren. Nach der Entdeckung Amerikas wurde von Papst Alexander VI. eine Demarkationslinie festgelegt: Spanien durfte im Westen kolonisieren und Portugal im Osten.

Die Protestanten hatten alle Hände voll zu tun, sich gegen den Katholizismus zu behaupten, so daß sie sich keine Gedanken darüber machten, Andersgläubige zu missionieren. Auch waren sie von den Reformatoren nicht dazu ermuntert worden. Offenbar glaubten Luther und Melanchthon, das Ende der Welt sei so nahe, daß es zu spät sei, die "Heiden" zu bekehren.

Im 17. Jahrhundert entwickelte sich jedoch eine Bewegung, die Pietismus genannt wurde. Diese Bewegung des Protestantismus betonte individualistische Frömmigkeit anstelle des Formalismus und legte großes Gewicht auf das Bibellesen und auf religiöses Engagement. Ihre "Vision von einer Menschheit, die das Evangelium Christi braucht", wie ein Schriftsteller es ausdrückte, trug schließlich dazu bei, daß der Protestantismus in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts begann, sich ebenfalls an der Mission zu beteiligen.

Im Jahr 1500 bekannte sich ungefähr ein Fünftel der Weltbevölkerung zum "Christentum", um 1800 betrug ihr Anteil bereits ein Viertel, und um 1900 war etwa jeder dritte Erdbewohner "Christ". Somit war nun ein Drittel der Weltbevölkerung "christlich"!

... link (0 Kommentare)   ... comment


Sonntag, 2. Juni 2013
...bereits 549 x gelesen
MISSIONIERUNG VON "HEIDEN" DURCH "CHRISTEN" - 1. Teil

Die Verbreitung der christlichen Lehre unter Andersgläubigen, ein charakteristisches Merkmal des Urchristentums, entspricht dem Gebot Jesu, "Jünger aus Menschen aller Nationen" zu machen und Zeugen von ihm zu sein "bis zum entferntesten Teil der Erde".

Apostelgeschichte 1:8: "Ihr werdet Kraft empfangen, wenn der heilige Geist auf euch gekommen ist, und ihr werdet Zeugen von mir sein sowohl in Jerusalem als auch in ganz Judääa und Samaria und bis zum entferntesten Teil der Erde."

Im 15. Jahrhundert begannen die "christlichen" Völker, die "Heiden" zu missionieren. Wie sah die Religion aus, der diese "Heiden" bis dahin anhingen? Wurde durch ihre Bekehrung zum "Christentum" ihr Herz berührt, oder bewirkte sie nur, daß sie in scheinbarer Unterwürfigkeit ihre Knie beugten?

In Afrika — südlich der Sahara — leben schätzungsweise 700 Stämme. Ursprünglich hatte jeder Stamm seine eigene Religion. Doch die Ähnlichkeiten dieser Religionen verraten einen gemeinsamen Ursprung. Auch in Australien, auf dem amerikanischen Kontinent und auf den Inseln des Pazifiks gibt es Dutzende von Eingeborenenreligionen.

Die meisten dieser Stämme oder Völker glauben an ein höchstes Wesen, aber auch Vielgötterei ist verbreitet; sie verehren jede Menge Sekundärgötter — Familiengötter, Sippengötter oder Volksgötter. Eine Studie über die aztekische Religion ergab mehr als 60 verschiedene und zueinander in Beziehung stehende Götternamen.

In Afrika und auf dem amerikanischen Kontinent glauben die Anhänger der "primitivsten" Religion an eine mythologische Gestalt, "Trickster" genannt. Manchmal wird er als der Weltschöpfer bezeichnet, ein andermal als ein Neuordner der Schöpfung. Er gilt stets als schlau, betrügerisch und wollüstig, doch nicht unbedingt als böswillig.

Der nordamerikanische Indianerstamm der Navajos glaubt, er bestimme, wann jemand sterbe. Der Stamm der Oglala Lakota lehrt, daß er ein gefallener Engel sei, der die Vertreibung der ersten Menschen aus dem Paradies verursacht habe, indem er ihnen ein besseres Leben anderswo versprochen habe. Das Werk The Encyclopedia of Religion schreibt, der Trickster erscheine häufig in "Schöpfungsmythen" als "Widersacher eines Schöpfergottes".

In einigen Eingeborenenreligionen gibt es eine Dreiheit, was an Babylon und Ägypten erinnert. In dem Buch The Eskimos heißt es, daß der Luftgeist, der Meergeist und der Mondgeist eine Dreiheit bilden und "im Grunde sozusagen alles in der Umwelt des Eskimos beherrschen".

Ronald M. Berndt von der Universität von Westaustralien berichtet, daß die australischen Ureinwohner glauben, das Leben werde wie in einem Kreislauf "nach dem Tod fortgesetzt, vom materiellen zum geistigen Leben und zur bestimmten Zeit wieder zum materiellen zurück". Das bedeutet, daß "das Geistige des Menschen unzerstörbar ist".

Bestimmte afrikanische Stämme glauben, daß die Menschen nach dem Tod im allgemeinen gewöhnliche Geister sind, prominente Personen dagegen Ahnengeister, die man als die unsichtbaren Führer des Familienverbandes oder Stammes ehren soll und an die man Bitten richten darf. Die Manus Melanesiens sind davon überzeugt, daß der Geist des Familienoberhauptes oder eines nahen Verwandten von ihm die Familie weiterhin überwacht.

Einige Indianerstämme glaubten, die Zahl der Seelen sei begrenzt, weshalb sie "wiedergeboren werden müßten, und zwar abwechselnd als Mensch und dann entweder als Geist oder als Tier". Die Encyclopedia of Religion sagt: "Wenn ein Mensch stirbt, wird eine Seele für ein Tier oder einen Geist frei und umgekehrt; auf diese Weise sind Menschen, Tiere und Geister in einen Kreis gegenseitiger Abhängigkeit eingebunden."

Die ersten Forscher waren überrascht, als sie bemerkten, daß Eskimoeltern ihre Kinder kaum straften und sie sogar mit "Mutter" oder "Großvater" anredeten. Der Schriftsteller Ernest S. Burch jr. erklärt den Grund wie folgt: Das Kind trägt den Namen der verwandten Person, als die es angesehen wird, und natürlich schreckt ein Eskimovater vor dem Gedanken zurück, "seine Großmutter zu züchtigen, obschon sie in den Leib seines Sohnes eingegangen ist".

Bei verschiedenen nordamerikanischen Indianerstämmen kamen Menschen und Tiere beim Tod in die glücklichen Jagdgründe. Dort wurden sie mit ihren Angehörigen wieder vereint, trafen aber auch mit ihren früheren Feinden zusammen. Gewisse Indianer skalpierten ihre Feinde, nachdem sie sie getötet hatten; damit wollten sie offenbar verhindern, daß diese in die Geisterwelt eingehen konnten.

Beweisen die weitverbreiteten Jenseitsvorstellungen bei den traditionellen Religionen, daß die Christenheit recht hat, wenn sie lehrt, daß dem Menschen eine unsterbliche Seele innewohnt? Nein. Gott sagte in Eden, wo die wahre Religion ihren Anfang nahm, nichts von einem Leben im Jenseits; er stellte den Menschen ewiges Leben im Diesseits in Aussicht und nicht ein Fortleben nach dem Tod in einem Jenseits. Die Idee, daß der Tod das Tor zu einem besseren Leben sei, stammt von Satan und wurde später in Babylon gelehrt.

... link (0 Kommentare)   ... comment


Samstag, 1. Juni 2013
...bereits 606 x gelesen
PROTESTANTISMUS – EINE REFOMATION? - 3. Teil

Das alles ist ein deutlicher Beweis dafür, daß der Protestantismus trotz möglicherweise guter Absichten einzelner Reformatoren und ihrer Anhänger das wahre Christentum nicht wiederhergestellt hat. Statt durch christliche Neutralität den Frieden zu fördern, verwickelte er sich in den Nationalismus.

Das wurde offensichtlich, sobald die Unterteilung der Christenheit in katholische und protestantische Länder Wirklichkeit geworden war. In mindestens einem Dutzend Kriegen hinterließen katholische und protestantische Streitkräfte auf dem europäischen Festland ihre Blutspuren. Die New Encyclopædia Britannica bezeichnet sie als "Religionskriege, die entfacht wurden durch die Reformation in Deutschland und in der Schweiz". Der bekannteste ist der Dreißigjährige Krieg (1618—48), bei dem sowohl politische als auch religiöse Gegensätze zwischen deutschen Protestanten und Katholiken eine Rolle spielten.

In England floß ebenfalls Blut. Zwischen 1642 und 1649 kämpfte König Karl I. gegen das Parlament. Da die meisten Gegner des Königs dem puritanischen Flügel der Kirche von England angehörten, wird der Krieg auch als Puritanische Revolution bezeichnet. Er endete mit der Hinrichtung des Königs und der Aufrichtung einer kurzlebigen puritanischen Republik unter Oliver Cromwell. Obgleich dieser englische Bürgerkrieg nicht in erster Linie ein religiöser Krieg war, sind sich Historiker einig, daß die Religion bei der Bestimmung der gegnerischen Seiten ein entscheidender Faktor war.

Während dieses Krieges kam die religiöse Gruppe der Freunde oder Quäker auf. Diese Gemeinschaft stieß auf die heftige Gegnerschaft ihrer protestantischen "Brüder". Hunderte starben im Gefängnis, und Tausende erlitten Demütigungen. Aber die Bewegung breitete sich bis in die britischen Kolonien in Amerika aus, wo William Penn 1681 von Karl II. die Konzession für die Gründung einer Quäker-Kolonie übertragen wurde, die später der Bundesstaat Pennsylvanien wurde.

Die Quäker waren nicht die einzigen, die anderswo Menschen bekehren wollten. Andere Religionen hatten dies vor ihnen getan. Nun jedoch, nach der protestantischen "Neuerung", verstärkten die Katholiken und eine große Zahl protestantischer Gemeinschaften ihre Anstrengungen, "Ungläubigen" Christi Botschaft der Wahrheit und des Friedens zu überbringen. Aber welche Ironie! Als "Gläubige" waren Katholiken und Protestanten nicht imstande, sich auf eine gemeinsame Definition der göttlichen Wahrheit zu einigen. Und sie vermochten auch nicht, wie Brüder in Frieden und Einheit zusammen zu leben. Was konnte angesichts dieser Situation erwartet werden, als "Christen" und "Heiden" sich begegneten?

1985 hat die Zahl der reformierten Kirchen 22 190 betragen.

ANGLIKANISCHE KIRCHENGEMEINSCHAFT: 25 selbständige Kirchen und sechs weitere Körperschaften, die mit der Kirche von England in Lehre, Verfassung und Liturgie übereinstimmen und den Ehrenprimat des Erzbischofs von Canterbury anerkennen. Die Encyclopedia of Religion sagt, daß der Anglikanismus "den Glauben an die apostolische Sukzession der Bischöfe bewahrt und viele vorreformatorische Bräuche beibehalten hat". Im Mittelpunkt des Gottesdienstes steht das Book of Common Prayer; seine Liturgie ist "die einzige in der Landessprache aus der Reformationszeit, die noch in Gebrauch ist". Die Anglikaner in den Vereinigten Staaten brachen mit der Kirche von England und gründeten 1789 die Protestant Episcopal Church; im Februar 1989 brachen sie erneut mit der Tradition, indem sie zum erstenmal in der anglikanischen Geschichte einen weiblichen Bischof einsetzten.

BAPTISTEN: 369 Religionsgemeinschaften. Sie gehen auf die Wiedertäufer des 16. Jahrhunderts zurück, die die Erwachsenentaufe durch Untertauchen hervorhoben. Wie die Encyclopedia of Religion schreibt, fällt es den Baptisten schwer, "die organisatorische und theologische Einheit zu wahren". Weiter heißt es: "Die Baptistenfamilie in den Vereinigten Staaten ist groß . . ., aber wie in vielen anderen großen Familien sprechen einige Glieder nicht miteinander."

LUTHERISCHE KIRCHEN: 240 Kirchen. Sie können sich von allen protestantischen Religionsgemeinschaften der insgesamt größten Anhängerschaft rühmen. Sie sind "nach wie vor ethnisch etwas entzweit (Deutsche, Schweden usw.)", sagt The World Almanac and Book of Facts 1988. Doch die "hauptsächliche Spaltung besteht zwischen Fundamentalisten und Liberalen". Die Spaltung der Lutheraner in nationalistische Lager wurde während des Zweiten Weltkriegs ersichtlich, als gemäß E. W. Gritsch vom Lutherischen Theologischen Seminar (USA) "eine kleine Minderheit der evangelischen Pfarrer und Gemeinden (in Deutschland) Hitler Widerstand leistete, doch die große Mehrheit der Evangelischen entweder schwieg oder aktiv mit dem Nazi-Regime zusammenarbeitete".

METHODISTENKIRCHEN: 188 Kirchen, die aus einer 1738 von John Wesley ins Leben gerufenen Bewegung innerhalb der Kirche von England entstanden sind. Nach seinem Tod löste sich diese Bewegung von der anglikanischen Kirche. Wesley definierte einen Methodisten als "jemand, der nach der Methode lebt, die in der Bibel dargelegt ist".

REFORMIERTE UND PRESBYTERIANISCHE KIRCHEN: Die reformierten Kirchen, 354 Glaubensgemeinschaften, sind in der Lehre nicht lutherisch, sondern calvinistisch, und betrachten sich selbst als die "katholische Kirche, reformiert". "Presbyterianisch" bezeichnet eine Kirchenleitung durch Älteste (Presbyter); alle presbyterianischen Kirchen sind reformierte Kirchen, aber nicht alle reformierten Kirchen haben eine presbyterianische Leitung.

... link (0 Kommentare)   ... comment


Freitag, 31. Mai 2013
...bereits 791 x gelesen
PROTESTANTISMUS – EINE REFOMATION? - 2. Teil

Es handelte sich um "organisierte Falschheit", weil der Protestantismus eine Reform der Lehre versprach, aber nicht Wort hielt. Oft war es die Kirchenpolitik, die den Unmut der Reformatoren heraufbeschwor — nicht falsche Lehren. Größtenteils behielt der Protestantismus die vom Heidentum durchsetzten religiösen Vorstellungen und Bräuche des Katholizismus bei. Inwiefern? Ein bemerkenswertes Beispiel ist der Glaube an die Dreieinigkeit — eine wichtige Voraussetzung für die Aufnahme in den protestantischen Ökumenischen Rat der Kirchen. Man hält zäh an dieser Lehre fest, obwohl sich, wie in der Encyclopedia of Religion zugegeben wird, Exegeten und Theologen heute einig sind, daß sie nirgends in der Bibel ausdrücklich gelehrt wird.

Hat der Protestantismus eine korrupte Form der Kirchenleitung reformiert? Nein. Er "übernahm das Muster der Kirchenführung vom mittelalterlichen Katholizismus", sagt Martin Marty, und "brach lediglich mit der katholischen Einrichtung, um protestantische Versionen zu bilden".

Der Protestantismus versprach auch, die "Einheit im Glauben" wiederherzustellen. Doch diese biblische Verheißung erfüllte sich nicht, wie die Entstehung der vielen uneinigen protestantischen Glaubensgemeinschaften beweist.

Epheser 4:13: "Bis wir alle zur Einheit im Glauben und in der genauen Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, zum vollerwachsenen Mann, zum Maße des Wuchses, der zur Fülle des Christus gehört"

Heute ist der Protestantismus in so viele Sekten und Religionsgemeinschaften zerfallen, daß es unmöglich ist, die Gesamtzahl festzustellen. Ehe man zu Ende gezählt hätte, wären neue Gruppen entstanden und andere verschwunden.

Dennoch vollbringt die World Christian Encyclopedia das "Unmögliche", indem sie die Christenheit (Stand 1980) in "20 780 verschiedene christliche Religionsgemeinschaften" unterteilt, wovon mit Abstand die meisten protestantisch sind. Dazu gehören 7 889 klassische protestantische Gemeinschaften, 10 065 vorwiegend protestantische Eingeborenenreligionen, 225 anglikanische Kirchen und 1 345 protestantische Randgruppen.

Als Erklärung dafür, wie es zu dieser verwirrenden Vielfalt kam, die als "Zeichen für Gesundheit und für Krankheit" bezeichnet wird, heißt es in dem Buch Protestant Christianity, daß es "an der menschlichen Kreativität und Begrenztheit liegen kann; noch eher liegt es aber an stolzen Menschen, die zu hoch von ihrer eigenen Lebensanschauung denken".

Wie zutreffend! Ohne der göttlichen Wahrheit genügend Beachtung zu schenken, bieten stolze Menschen neue Alternativen zur Erlangung des Heils, der Befreiung und der Erfüllung an. Religiöser Pluralismus hat in der Bibel keine Stütze.

Durch seine Förderung des religiösen Pluralismus deutet der Protestantismus an, Gott habe keine Richtlinien für seine Anbetung festgesetzt. Ist eine solche organisierte Verwirrung mit einem Gott der Wahrheit vereinbar, von dem die Bibel sagt, daß er "nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens" ist? Ist die oft gehörte protestantische Einstellung, man solle in die Kirche seiner Wahl gehen, etwas anderes als das unabhängige Denken, das Adam und Eva zu irrigen Ansichten verleitete und in Schwierigkeiten stürzte?

Trotz der besonderen Stellung, die die Reformatoren der Bibel zuerkannten, riefen protestantische Theologen später die Bibelkritik ins Leben und "behandelten den biblischen Text", so Marty, "wie jeden anderen alten literarischen Text". Sie maßen "der Inspiration der Bibelschreiber keine besondere Bedeutung" bei.

Dadurch, daß die protestantischen Theologen die göttliche Inspiration der Bibel in Frage zogen, wurde der Glaube an das Buch, das die Reformatoren als eigentliche Grundlage des Protestantismus betrachteten, untergraben. Dies ebnete den Weg für den Skeptizismus, das Freidenkertum und den Rationalismus. Nicht ohne Grund betrachten viele Gelehrte die Reformation als Hauptursache für die heutige Verweltlichung.

... link (0 Kommentare)   ... comment


Donnerstag, 30. Mai 2013
...bereits 689 x gelesen
PROTESTANTISMUS – EINE REFOMATION? - 1. Teil

Protestantische Historiker sind der Ansicht, durch die Reformation sei das wahre Christentum wiederhergestellt worden. Katholische Gelehrte hingegen sagen, sie habe zu theologischen Irrtümern geführt. Was läßt der Rückspiegel der Religionsgeschichte erkennen? Hat der Protestantismus wirklich eine Reformation gebracht oder lediglich eine Neuerung, durch die eine mangelhafte Anbetungsform durch eine andere mangelhafte ersetzt wurde?

Die Reformatoren betonten die Wichtigkeit der Heiligen Schrift. Sie lehnten die Tradition ab, obwohl Martin Marty, Redakteur der Zeitschrift The Christian Century, schreibt, daß im vergangenen Jahrhundert "immer mehr Protestanten bereit waren, eine Verbindung zwischen der Bibel und der Tradition zu erkennen". Das traf jedoch auf die "Väter" ihres Glaubens nicht zu. In ihren Augen "nahm die Bibel eine besondere Stellung ein, und die Tradition oder die päpstliche Autorität konnte ihr nie gleichkommen".

Diese Haltung förderte das Interesse am Übersetzen, Verbreiten und Studieren der Bibel. Mitte des 15. Jahrhunderts — über ein halbes Jahrhundert ehe die Reformation ins Rollen kam — versah Johannes Gutenberg den aufkommenden Protestantismus mit einem nützlichen Werkzeug. Als Erfinder des Buchdrucks mit beweglichen Lettern stellte er die erste gedruckte Bibel her. Luther sah in dieser Erfindung große Möglichkeiten und sagte: "Die Druckerey ist die summum et postremum donum (vorzüglichste und letzte Gabe), durch welches Gott die Sache des Euangelii (Evangeliums) fort treibet."

Mehr Menschen konnten nun ihre eigene Bibel besitzen — eine Entwicklung, die die katholische Kirche nicht guthieß. 1559 verfügte Papst Paul IV., daß keine Bibel ohne kirchliche Erlaubnis in der Volkssprache gedruckt werden dürfe. Doch die Kirche erteilte eine solche Erlaubnis nicht. Papst Pius IV. erklärte 1564: "Die Erfahrung lehrt, daß, wenn das Lesen der Bibel in der Volkssprache allen ohne Unterschied gestattet wird, daraus . . . mehr Schaden als Nutzen entsteht."

Die Reformation brachte eine neue Art "Christentum" hervor. An die Stelle der Autorität des Papsttums trat die eigene freie Wahl. Die katholische Messe wich der protestantischen Liturgie, und prunkvolle katholische Kathedralen wurden durch gewöhnlich weniger pompöse evangelische Kirchen ersetzt.

Die Geschichte lehrt uns, daß Bewegungen, die ursprünglich religiöser Natur waren, oft einen sozialen oder politischen Nutzen hatten. Das traf auch auf die Reformation zu. Eugene F. Rice jr., Geschichtsprofessor an der Columbia-Universität, erklärt: "Im Mittelalter war die abendländische Kirche eine europäische Einheit. In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts zerfiel sie in zahlreiche einzelne Landeskirchen . . ., über die weltliche Herrscher große Macht ausübten." Dies führte zum "Höhepunkt des langen Kampfes zwischen weltlicher und geistlicher Autorität im Mittelalter. . . . Die Machtkonzentration verlagerte sich entscheidend und endgültig von der Kirche auf den Staat und vom Priester auf den Laien."

Für den einzelnen bedeutete dies größere religiöse und bürgerliche Freiheit. Im Unterschied zum Katholizismus hatte der Protestantismus kein zentrales Organ zur Überwachung der Lehre oder der Bräuche, so daß ein breites Spektrum religiöser Anschauungen ermöglicht wurde. Dadurch wiederum entstand allmählich eine religiöse Toleranz und liberale Haltung, die zur Zeit der Reformation noch undenkbar gewesen wäre.

Die größere Freiheit setzte ungenutzte Energien frei. Sie war nach Ansicht einiger der Antrieb, der notwendig war, um die sozialen, politischen und technologischen Entwicklungen in Gang zu setzen, die uns in die Moderne versetzt haben. Die protestantische Arbeitsmoral wurde "auf die Regierung und auf das tägliche Leben übertragen", schrieb der Autor Theodore White. Er bezeichnete sie als "die Überzeugung, daß der Mensch direkt vor Gott für sein Gewissen und seine Handlungen verantwortlich ist, ohne die Vermittlung oder Fürsprache von Priestern. . . . Wenn ein Mann hart arbeitete, seinen Weg ginge, weder nachlässig noch träge wäre und für Frau und Kinder sorgte, würde das Schicksal oder Gott seine Anstrengungen belohnen."

Sollten uns diese anscheinend positiven Gesichtspunkte des Protestantismus für seine Mängel blind machen? Die Reformation war auch "Anlaß für schlimme Übel", heißt es in der Encyclopædia of Religion and Ethics. "Das Zeitalter der Jesuiten und der Inquisition wurde zu einem Ende gebracht . . ., nur um von etwas noch Niedrigerem gefolgt zu werden. Wenn es im Mittelalter viel ehrliche Unwissenheit gab, so gibt es jetzt viel organisierte Falschheit."

... link (0 Kommentare)   ... comment


Mittwoch, 29. Mai 2013
...bereits 587 x gelesen
EINE RELIGIÖSE REVOLUTION – 2. Teil

Martin Luther

Am 31. Oktober 1517 versetzte Luther die religiöse Welt in Aufruhr, als er seine 95 Thesen über den Ablaß an die Tür einer Kirche von Wittenberg anschlug.

Der Ablaßhandel geht auf die Kreuzzüge zurück. Gläubigen, die bereit waren, ihr Leben in einem "heiligen" Krieg aufs Spiel zu setzen, wurde Nachlaß von Sündenstrafen gewährt. Später wurde der Ablaß auch denjenigen erteilt, die die Kirche finanziell unterstützten. Bald war der Ablaß eine willkommene Gelegenheit, Gelder für den Bau von Kirchen, Klöstern und Krankenhäusern zu sammeln. "Die prächtigsten Monumente des Mittelalters wurden auf diese Weise finanziert", sagt Roland Bainton, Professor für Religionsgeschichte, und nennt den Ablaß das "Bingo des 16. Jahrhunderts".

Mit der scharfen Zunge, für die er bekannt war, fragte Luther: "Warum befreit denn der Papst nicht aus dem Fegfeuer rein aus dem Drange heiliger Liebe und bewogen von der höchsten Noth der Seelen — das wäre doch billig Ursache genug für ihn! — wenn er doch unzählige Seelen erlöst um elenden Geldes willen?" Über die Beschaffung von Geldern für den Neubau der Peterskirche sagte Luther, daß, "wenn der Papst den Schacher der Ablaßprediger wüßte, er lieber den Dom S. Petri würde zu Asche verbrennen lassen, als daß derselbe von Haut, Fleisch und Knochen seiner Schafe sollte erbaut werden".

Luther griff auch den katholischen Antisemitismus an und riet, gegenüber den Juden nicht das Gebot des Papstes, sondern Christi Gebot der Liebe zu befolgen. Über die Reliquienverehrung spottete er, daß einer behaupte, eine Feder aus einem Flügel des Engels Gabriel zu haben, und daß der Bischof von Mainz angeblich eine Flamme aus Moses' brennendem Dornbusch besitze. Er fragte, wie es angehen könne, daß in Deutschland achtzehn Apostel begraben seien, wenn Christus doch nur zwölf gehabt habe.

Die Kirche reagierte auf Luthers Angriffe mit dem Bann. Kaiser Karl V. verhängte, sich dem päpstlichen Druck beugend, die Reichsacht über Luther. Daraufhin kam es zu so heftigen Spannungen, daß 1530 der Augsburger Reichstag einberufen wurde, um über die Gegensätze zu verhandeln. Das Bemühen um Zugeständnisse schlug fehl, und so wurde eine grundlegende Erklärung der lutherischen Glaubenslehre verfaßt. Dabei handelte es sich um das Augsburger Bekenntnis, das sozusagen die Geburt der ersten protestantischen Kirche ankündigte.

Ulrich Zwingli

Zwingli hob die Bibel als höchste und einzige Autorität für die Kirche hervor. Er wurde zwar durch Luthers Beispiel ermutigt, lehnte es aber ab, lutherisch genannt zu werden, da er, wie er sagte, Christi Lehre aus Gottes Wort, nicht von Luther, gelernt habe. Auch war er sich mit Luther über das Abendmahl uneinig sowie über das Verhältnis eines Christen zur weltlichen Obrigkeit.

Die beiden Reformer begegneten sich nur einmal, und zwar 1529 beim Marburger Religionsgespräch, das in dem Buch The Reformation in Crisis als "eine Art religiöses Gipfeltreffen" bezeichnet wird. Es heißt: "Die beiden Männer gingen nicht als Freunde auseinander, doch . . . die am Ende des Gesprächs veröffentlichten Artikel, die von allen Teilnehmern unterzeichnet wurden, verbargen geschickt das Ausmaß der Spaltung."

Zwingli hatte auch Probleme mit seinen eigenen Anhängern. Im Jahre 1525 trennten sich einige von ihm, weil sie mit ihm in der Frage des Staatskirchentums uneinig waren, das er bejahte, sie aber verwarfen. Als sogenannte Wiedertäufer betrachteten sie die Kindertaufe als unnütze Formsache und beschränkten die Taufe auf erwachsene Gläubige. Sie lehnten außerdem den Gebrauch von Waffen ab, selbst in vermeintlich gerechten Kriegen. Tausende von ihnen wurden wegen ihres Glaubens zu Tode gebracht.

Johannes Calvin

Viele Gelehrte sehen Calvin als den größten Reformator an. Er verlangte von der Kirche, zu den ursprünglichen Grundsätzen des Christentums zurückzukehren. Aber eine seiner Hauptlehren, die Prädestination (Vorherbestimmung), erinnert an Lehren im antiken Griechenland. Nach Ansicht der Stoiker bestimmte Zeus alles, und der Mensch muß sich dem Unausweichlichen fügen. Diese Lehre ist eindeutig nicht christlich.

In Calvins Tagen wurden französische Protestanten als Hugenotten bekannt. Sie wurden heftig verfolgt. Beginnend am 24. August 1572 mit dem Blutbad der Bartholomäusnacht, schlugen in Frankreich katholische Heere zunächst in Paris und dann im ganzen Land Tausende von ihnen nieder. Doch die Hugenotten griffen ebenfalls zum Schwert und brachten in blutigen Religionskriegen gegen Ende des 16. Jahrhunderts viele ums Leben. So ließen sie die Anweisung Jesu außer acht: "Fahrt fort, eure Feinde zu lieben und für die zu beten, die euch verfolgen".

Calvin gab durch seine Methoden, seine religiöse Überzeugung zu fördern, ein Beispiel, das der protestantische Geistliche Harry Emerson Fosdick als grausam und entsetzlich bezeichnete. Unter der Kirchenordnung, die Calvin in Genf einführte, wurden innerhalb von vier Jahren 58 Menschen hingerichtet und 76 verbannt; Ende des 16. Jahrhunderts waren schätzungsweise 150 auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden. Zu diesen gehörte Michael Servet, ein spanischer Mediziner und Theologe, der die Dreieinigkeitslehre verwarf, was ihn in den Augen aller zum Ketzer machte. Die katholische Obrigkeit verbrannte ihn in effigie (symbolisch); die Protestanten gingen einen bedeutsamen Schritt weiter und verbrannten ihn auf dem Scheiterhaufen.



... link (0 Kommentare)   ... comment


Dienstag, 28. Mai 2013
...bereits 691 x gelesen
EINE RELIGIÖSE REVOLUTION – 1. Teil

Die ersten Christen lehrten kein Fegefeuer, beteten keine Bilder an, huldigten keinen "Heiligen" und verehrten keine Reliquien. Sie betätigten sich nicht politisch und nahmen nicht zu buchstäblicher Kriegführung Zuflucht. Doch im 15. Jahrhundert traf auf viele, die ihre Nachahmer zu sein behaupteten, von alldem nichts mehr zu.

"Die ersten Brutstätten der Ketzerei gegen den Katholizismus gab es um das Jahr 1000 in Frankreich und in Norditalien", heißt es in The Collins Atlas of World History. Manche der ersten sogenannten Ketzer waren nur in den Augen der Kirche Ketzer. Es ist heute schwierig, genau zu beurteilen, in welchem Maße sich einzelne Ketzer an das frühe Christentum hielten. Dennoch bemühten sich offensichtlich zumindest einige, dies zu tun.

Zu Beginn des 9. Jahrhunderts verurteilte Erzbischof Agobard von Lyon die Bilderanbetung und das Anrufen "Heiliger". Ein Archidiakon des 11. Jahrhunderts, Berengar von Tours, wurde exkommuniziert, weil er an der Transsubstantiation zweifelte, wonach das in der katholischen Messe verwendete Brot und der Wein in den Leib und in das Blut Christi verwandelt werden. Ein Jahrhundert später lehnten Peter von Bruys und Heinrich von Lausanne die Kindertaufe und die Anbetung des Kreuzes ab. Heinrich verlor deshalb seine Freiheit, Peter sein Leben.

"Um die Mitte des zwölften Jahrhunderts waren die westeuropäischen Städte von ketzerischen Sekten durchsetzt", berichtet der Historiker Will Durant. Die bedeutsamste dieser Gruppen waren die Waldenser. Sie traten gegen Ende des 12. Jahrhunderts unter dem französischen Kaufmann Pierre Valdès (Petrus Waldes) hervor. Unter anderem stimmten sie mit der Kirche nicht überein, was die Anbetung Marias, die Beichte, die Totenmessen, den päpstlichen Ablaß, den Zölibat und den Gebrauch von Waffen betraf. Die Bewegung dehnte sich rasch in Frankreich und Norditalien aus sowie in Flandern, Deutschland, Österreich und Böhmen.

In England verurteilte der Oxfordgelehrte John Wyclif, der später als der "Morgenstern der englischen Reformation" bekannt wurde, die "machthungrige Hierarchie" des 14. Jahrhunderts. Er und seine Gefährten übersetzten die gesamte Bibel ins Englische und machten sie so den einfachen Bürgern zum erstenmal zugänglich. Wyclifs Anhänger wurden als Lollarden bezeichnet. Sie predigten öffentlich und verbreiteten Schriften und Teile der Bibel. Dieses "ketzerische" Verhalten behagte der Kirche ganz und gar nicht.

Wyclifs Vorstellungen verbreiteten sich weithin. In Böhmen erregten sie die Aufmerksamkeit von Jan Hus (Johannes Huß), dem Rektor der Prager Universität. Hus zweifelte die Rechtmäßigkeit des Papsttums an und bestritt, daß die Kirche auf Petrus gegründet sei. Nach einem Streit über den Ablaßhandel wurde Hus wegen Ketzerei angeklagt und 1415 auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Gemäß katholischer Lehre kann durch den Ablaß die Strafe für Sünden teilweise oder ganz nachgelassen werden, so daß die Strafe und Läuterung im Fegefeuer vor dem Eintritt in den Himmel verkürzt oder aufgehoben wird.

Es wurden weiterhin Reformen verlangt. Girolamo Savonarola, ein italienischer Dominikanerprediger des 15. Jahrhunderts, klagte: "Die Schändlichkeit fängt in Rom an und geht durch das Ganze. . . . Fang nur von Rom an, und du wirst finden, daß sie alle ihre geistlichen Pfründen durch Simonie gewonnen haben. . . . Die Huren gehen öffentlich zu St. Peter, jeder Priester hat seine Konkubine." Selbst Kardinäle erkannten diese Mißstände. Im Jahre 1538 lenkten sie die Aufmerksamkeit Papst Pauls III. in einer an ihn gerichteten Denkschrift auf parochiale, finanzielle, gerichtliche und sittliche Mißstände. Doch das Papsttum führte die offensichtlich notwendigen Reformen nicht durch, was dann die Reformation hervorrief. Zu den Anführern gehörten Martin Luther, Ulrich Zwingli und Johannes Calvin.

Martin Luther, 1483 geboren, Priesterweihe mit 23 Jahren, studierte in Wittenberg Theologie, promovierte 1512 in Wittenberg zum Doktor der Theologie, starb im Alter von 62 Jahren.

Ulrich Zwingli, geboren in der Schweiz, etwa zwei Monate nach Luther, 1506 Priesterweihe, fiel mit 47 Jahren im Kampf als protestantischer Feldprediger.

Johannes Calvin, 25 Jahre nach Luther und Zwingli geboren, zog als junger Mann von Frankreich in die Schweiz, richtete in Genf einen faktischen Kirchenstaat auf, starb mit 54 Jahren.

Einige Möchtegernreformatoren stimmten zwar grundsätzlich Luther zu, hielten sich aber zurück. Unter ihnen war der niederländische Gelehrte Desiderius Erasmus. 1516 veröffentlichte er als erster das "Neue Testament" in der griechischen Ursprache. "Er war ein Reformator", heißt es in der Publikation Edinburgh Review, "bis die Reformation eine schreckliche Wirklichkeit wurde."

Andere hingegen trieben die Reformation voran, und in Deutschland und Skandinavien verbreitete sich rasch das Luthertum. 1534 löste sich England vom päpstlichen Joch. Schottland zog unter dem Reformator John Knox bald nach. In Frankreich und Polen wurde der Protestantismus vor dem Ende des 16. Jahrhunderts gesetzlich anerkannt.

Der Begriff "Protestant" wurde 1529 auf dem Reichstag zu Speyer zum erstenmal auf Anhänger Luthers angewandt. Sie protestierten gegen eine Entscheidung, durch die den Katholiken größere Freiheit gewährt wurde als ihnen.

... link (0 Kommentare)   ... comment


...bereits 680 x gelesen
EINE RELIGIÖSE REVOLUTION – 1. Teil

Die ersten Christen lehrten kein Fegefeuer, beteten keine Bilder an, huldigten keinen "Heiligen" und verehrten keine Reliquien. Sie betätigten sich nicht politisch und nahmen nicht zu buchstäblicher Kriegführung Zuflucht. Doch im 15. Jahrhundert traf auf viele, die ihre Nachahmer zu sein behaupteten, von alldem nichts mehr zu.

"Die ersten Brutstätten der Ketzerei gegen den Katholizismus gab es um das Jahr 1000 in Frankreich und in Norditalien", heißt es in The Collins Atlas of World History. Manche der ersten sogenannten Ketzer waren nur in den Augen der Kirche Ketzer. Es ist heute schwierig, genau zu beurteilen, in welchem Maße sich einzelne Ketzer an das frühe Christentum hielten. Dennoch bemühten sich offensichtlich zumindest einige, dies zu tun.

Zu Beginn des 9. Jahrhunderts verurteilte Erzbischof Agobard von Lyon die Bilderanbetung und das Anrufen "Heiliger". Ein Archidiakon des 11. Jahrhunderts, Berengar von Tours, wurde exkommuniziert, weil er an der Transsubstantiation zweifelte, wonach das in der katholischen Messe verwendete Brot und der Wein in den Leib und in das Blut Christi verwandelt werden. Ein Jahrhundert später lehnten Peter von Bruys und Heinrich von Lausanne die Kindertaufe und die Anbetung des Kreuzes ab. Heinrich verlor deshalb seine Freiheit, Peter sein Leben.

"Um die Mitte des zwölften Jahrhunderts waren die westeuropäischen Städte von ketzerischen Sekten durchsetzt", berichtet der Historiker Will Durant. Die bedeutsamste dieser Gruppen waren die Waldenser. Sie traten gegen Ende des 12. Jahrhunderts unter dem französischen Kaufmann Pierre Valdès (Petrus Waldes) hervor. Unter anderem stimmten sie mit der Kirche nicht überein, was die Anbetung Marias, die Beichte, die Totenmessen, den päpstlichen Ablaß, den Zölibat und den Gebrauch von Waffen betraf. Die Bewegung dehnte sich rasch in Frankreich und Norditalien aus sowie in Flandern, Deutschland, Österreich und Böhmen.

In England verurteilte der Oxfordgelehrte John Wyclif, der später als der "Morgenstern der englischen Reformation" bekannt wurde, die "machthungrige Hierarchie" des 14. Jahrhunderts. Er und seine Gefährten übersetzten die gesamte Bibel ins Englische und machten sie so den einfachen Bürgern zum erstenmal zugänglich. Wyclifs Anhänger wurden als Lollarden bezeichnet. Sie predigten öffentlich und verbreiteten Schriften und Teile der Bibel. Dieses "ketzerische" Verhalten behagte der Kirche ganz und gar nicht.

Wyclifs Vorstellungen verbreiteten sich weithin. In Böhmen erregten sie die Aufmerksamkeit von Jan Hus (Johannes Huß), dem Rektor der Prager Universität. Hus zweifelte die Rechtmäßigkeit des Papsttums an und bestritt, daß die Kirche auf Petrus gegründet sei. Nach einem Streit über den Ablaßhandel wurde Hus wegen Ketzerei angeklagt und 1415 auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Gemäß katholischer Lehre kann durch den Ablaß die Strafe für Sünden teilweise oder ganz nachgelassen werden, so daß die Strafe und Läuterung im Fegefeuer vor dem Eintritt in den Himmel verkürzt oder aufgehoben wird.

Es wurden weiterhin Reformen verlangt. Girolamo Savonarola, ein italienischer Dominikanerprediger des 15. Jahrhunderts, klagte: "Die Schändlichkeit fängt in Rom an und geht durch das Ganze. . . . Fang nur von Rom an, und du wirst finden, daß sie alle ihre geistlichen Pfründen durch Simonie gewonnen haben. . . . Die Huren gehen öffentlich zu St. Peter, jeder Priester hat seine Konkubine." Selbst Kardinäle erkannten diese Mißstände. Im Jahre 1538 lenkten sie die Aufmerksamkeit Papst Pauls III. in einer an ihn gerichteten Denkschrift auf parochiale, finanzielle, gerichtliche und sittliche Mißstände. Doch das Papsttum führte die offensichtlich notwendigen Reformen nicht durch, was dann die Reformation hervorrief. Zu den Anführern gehörten Martin Luther, Ulrich Zwingli und Johannes Calvin.

Martin Luther, 1483 geboren, Priesterweihe mit 23 Jahren, studierte in Wittenberg Theologie, promovierte 1512 in Wittenberg zum Doktor der Theologie, starb im Alter von 62 Jahren.

Ulrich Zwingli, geboren in der Schweiz, etwa zwei Monate nach Luther, 1506 Priesterweihe, fiel mit 47 Jahren im Kampf als protestantischer Feldprediger.

Johannes Calvin, 25 Jahre nach Luther und Zwingli geboren, zog als junger Mann von Frankreich in die Schweiz, richtete in Genf einen faktischen Kirchenstaat auf, starb mit 54 Jahren.

Einige Möchtegernreformatoren stimmten zwar grundsätzlich Luther zu, hielten sich aber zurück. Unter ihnen war der niederländische Gelehrte Desiderius Erasmus. 1516 veröffentlichte er als erster das "Neue Testament" in der griechischen Ursprache. "Er war ein Reformator", heißt es in der Publikation Edinburgh Review, "bis die Reformation eine schreckliche Wirklichkeit wurde."

Andere hingegen trieben die Reformation voran, und in Deutschland und Skandinavien verbreitete sich rasch das Luthertum. 1534 löste sich England vom päpstlichen Joch. Schottland zog unter dem Reformator John Knox bald nach. In Frankreich und Polen wurde der Protestantismus vor dem Ende des 16. Jahrhunderts gesetzlich anerkannt.

Der Begriff "Protestant" wurde 1529 auf dem Reichstag zu Speyer zum erstenmal auf Anhänger Luthers angewandt. Sie protestierten gegen eine Entscheidung, durch die den Katholiken größere Freiheit gewährt wurde als ihnen.

... link (0 Kommentare)   ... comment